Wildkatze

Der Wildkatze auf der Spur – Rückkehr der leisen Samtpfoten

Das Verbreitungsgebiet der Europäischen Wildkatze (Felis silvestris silvestris) erstreckte sich noch bis ins späte 18. Jhdt. über ganz Europa. Durch Rodungen und Bejagung wurden die Bestände jedoch stark dezimiert. Nachdem sie zu Beginn des 20. Jhdt. fast als ausgestorben galt, breitet sie sich seit einigen Jahren wieder aus. Heute gibt es etwa 6.000 bis 8.000 der streng geschützten Art in Deutschland. Wildkatzen sind scheu und nachtaktiv. Sie durchstreifen unsere Wälder meist unbemerkt, weshalb wir Menschen sie nur sehr selten zu Gesicht bekommen.

Doch wie ist die Situation bei uns im Landkreis? Nach einem unsicheren Fotohinweis aus dem Jahr 2017 erfolgte 2020 die Bestätigung: Im Werdauer Wald sind Wildkatzen unterwegs und erobern ihr natürliches Habitat zurück. Die Naturschutzstation Gräfenmühle und der BUND Sachsen führten gemeinsam im Frühjahr 2020 ein Wildkatzenmonitoring mit Hilfe der Lockstockmethode durch. Von Januar bis April wurden Lockstöcke und Fotofallen ausgebracht und von WildkatzenbotschafterInnen des BUND sowie NaturschutzhelferInnen des Landkreises ehrenamtlich kontrolliert. Bei dieser Methode werden raue Holzlatten mit Baldrian besprüht. Wildkatzen fühlen sich vom Duft des Krautsaftes angezogen, reiben sich daran, hinterlassen Haare, die wiederum regelmäßig abgesammelt und im Labor untersucht werden. Mit Hilfe dieses genetischen Fingerabdrucks wird festgestellt, ob es sich bei den Proben jeweils um ein oder mehrere Individuen handelt und wie ihre Verwandtschaftsverhältnisse sind.

Durch Wildkameras gelang es Fotos und Videos von phänotypischen Wildkatzen aufzuzeichnen. Jedoch braucht es die Genetik, um einen eindeutigen Nachweis zu erbringen. Alle untersuchten Haarproben bestätigten, dass es sich um die Europäische Wildkatze aus der mitteldeutschen Population handelt. Die letzten Untersuchungen haben 2004 stattgefunden und keinen Nachweis erbracht. Die Wildkatzen müssen also erst kürzlich eingewandert sein. Der Nachweis ist eine kleine Sensation für den Landkreis, denn es handelt sich um den ersten Nachweis seit 170 Jahren. Bedauerlicherweise war das Genmaterial nicht ausreichend, um zu beurteilen, wie viele verschiedene Individuen durch den Wald streifen und ob es sich um Männchen oder Weibchen handelt. Daher wurde die Untersuchung im Frühjahr 2021 wiederholt und erweitert, um eine realistische Populationsgrößenabschätzung zu erhalten. Mit den Laborergebnissen ist allerdings erst ab Herbst 2021 zu rechnen.

Zufällig gelang im Jahr 2020 darüber hinaus auf der ca. 10 km Luftlinie entfernten Wismut-Fläche (IAA Helmsdorf) zwischen der Gräfenmühle und der Stadt Zwickau ein weiterer bestätigter Fotonachweis. Die Hinweise auf Wildkatzen aus anderen Regionen Sachsens, wie dem Vogtland, dem Westerzgebirge sowie aus den Landkreisen Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Bautzen lassen vermuten, dass auch in weiteren Bereichen des Freistaates günstige Lebensräume für diese Art existieren. Die hohen Erzgebirgslagen sowie die großen strukturarmen Ackerbaugebiete ausgenommen, scheint die Habitatausstattung in Sachsen grundsätzlich für Wildkatzen geeignet zu sein. Es besteht die Hoffnung auf weitere Zuwanderung aus Bayern, Thüringen oder Sachsen-Anhalt.

2017_Wildkatzenvorkommen

Den typischen Lebensraum einer Wildkatze in Mitteleuropa bilden die weitläufigen, unterholzreichen Waldgebiete der Mittelgebirge. Dort sind es vor allem Strukturen wie Totholzansammlungen, Wurzelteller, trockene Höhlen, Tierbaue oder Bodenmulden, Dickichte, Naturverjüngungen sowie alte Bunkeranlagen, welche als Ruhe-, Versteck- oder Wurfplätze genutzt werden. Dort, wo sich die Wildkatze wohlfühlt, sind die Bedingungen für viele andere Arten ebenfalls optimal. Zudem reagieren Wildkatzen sehr sensibel auf die Zerschneidung von Wäldern. Aus diesen Gründen ist sie eine Schirmart für den Biotopverbund und ein guter Indikator für den Grad der Vernetzung.

Das größte Problem für die Wildkatze ist heute die immer intensivere Nutzung der Landschaft. Straßen, Ortschaften und teils ausgeräumte Kulturlandschaften behindern die notwendigen Wanderungen. Der Tod im Straßenverkehr ist die mit Abstand häufigste Todesursache. So entstehen isolierte Teilpopulationen, in denen die genetische Vielfalt langfristig in Gefahr gerät. Die letzten Rückzugsgebiete liegen verstreut wie Inseln im Meer und die dort lebenden, vereinzelten Wildkatzenpopu­lationen sind oft sehr klein, sodass das Überleben der Wildkatze vielerorts in Deutschland trotz Aufwärtstrend langfristig noch nicht als gesichert angesehen werden kann.

 

Hintergrund:

Wild- oder Hauskatze

 Die europäische Wildkatze lebt seit knapp 200.000 Jahren in Europa – eine Ureinwohnerin sozusagen. Die Hauskatze hingegen hat afrikanische Wurzeln und stammt von der Falbkatze ab. Konkrete Hinweise auf eine Domestikation vor etwa 5.000 Jahren stammen aus Ägypten. Fuß fasste die Hauskatze in Europa mithilfe der Römer. Hauskatze und Wildkatze leben oft nebeneinander, weshalb eine Vermischung beider Arten nicht auszuschließen ist. Hybride treten in Deutschland  mit ca. 3% jedoch sehr selten auf.

Neben anatomischen Merkmalen, die oft nur im Labor untersucht werden können, sind Fellmerkmale wie Schwanzbänderung oder Genick- und Schulterstreifung die einzigen morphologischen Hinweise zur sicheren Trennung. Selbst Experten können aufgrund der optischen Erscheinung nicht immer sicher Auskunft geben, denn für eine eindeutige Bestimmung ist eine genetische Typisierung notwendig. Das augenfälligste Erkennungsmerkmal der Wildkatze ist wohl ihr breiter, buschiger Schwanz mit zwei bis drei schwarzen Ringen und einem schwarzen stumpfen Ende. Gegenüber häufig silbrig-grauen Hauskatzen haben Wildkatzen auch zumeist ein sehr verwaschenes grau-gelbes Fell. Junge Wildkatzen sehen wildfarbenen Hauskatzen jedoch zum Verwechseln ähnlich, da ihr Fell noch eine starke Bänderung aufweist und sich der charakteristische Schwanz noch nicht vollends ausgebildet hat.