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Der Hirschgrund Oberlungwitz

Der Hirschgrund Oberlungwitz: Dreiklang aus Naturschutz, Landwirtschaft & Erholungsraum

Ein nachhaltiger Entwicklungsprozess in der Landschaft vollzieht sich nur, wenn sich mehrere Partner einer Vision annehmen und diese gemeinsam denken und anpacken. Im Landschaftsschutzgebiet Hirschgrund in Oberlungwitz wird dies jetzt Wirklichkeit. Um eine Naturschutzidee umzusetzen, sitzen der Landschaftspflegeverband Westsachsen e.V., zwei Landwirtschaftsunternehmen, die Stadtverwaltung, die Naturschutzstiftung Pro Artenvielfalt aus Bielefeld, aktive Ehrenamtliche und Behörden an einem Tisch.

Aus vielen Anregungen und Diskussionen heraus entstanden solide Maßnahmenentwürfe innerhalb des Gesamtvorhabens „Der Hirschgrund Oberlungwitz: Dreiklang aus Naturschutz – Landwirtschaft – Erholungsraum“. Den Schwerpunkt bildet die Einrichtung einer ganzjährigen Beweidung mit Großherbivoren in der Hirschbach-Aue, begleitet von Maßnahmen zur besseren Strukturierung des Gebietes durch Anlage von Hecken und Kleingewässern sowie der Entwicklung eines Naturlehrpfades. Mit den geplanten Maßnahmen sind in kurzer Zeit Verbesserungen der Biotop-, Lebensraum- und Artenausstattung wie auch ein Mehr an Erholung- und Naturerlebnis zu erwarten.

Die Agrargenossenschaft Lungwitztal e.G. als derzeitige Eigentümerin eines Großteils der Flächen gab mit ihrer Verkaufsabsicht den ersten Impuls, eine extensivere Landwirtschaft zu etablieren. Als mögliche Kaufinteressentin haben wir die Stiftung Pro Artenvielfalt gewinnen können, für die dies das erste Naturschutzprojekt in Sachsen ist. Die Wünsche der Kommune, wie die zukünftige Nutzung von Grünlandflächen durch Bürger in Form einer Bürgerwiese, eines Rodelhangs sowie eines Lehrpfades, fanden in der Planung Berücksichtigung. Eine Zusage zur ganzjährigen Haltung von Großherbivoren erhielten wir vom Landwirtschaftsbetrieb Grüne Aue Highland Cattle, der sich auf extensive Naturschutzbewirtschaftungen spezialisiert hat. Nicht nur bei der zukünftigen Pflege und Entwicklung des Schutzgebietes entsteht hier ein Mehrwert in der Region, sondern auch durch die Umsetzung der ersteinrichtenden Maßnahmen wie Koppelbau, Heckenpflanzungen oder Teichanlage sowie durch die Erstellung von Material für die Öffentlichkeitsarbeit wie Schautafeln und Flyer.

Das Sächsische Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft (SMEKUL) startete im vergangenen Jahr den Förderaufruf zur Mehrwert-Initiative „Nachhaltig aus der Corona-Krise“. Der Landschaftspflegeverband Westsachsen e.V. hat sich mit dem hier vorgestellten Mehrwert-Projekt beworben und trotz zehnfacher Überzeichnung der Richtlinie einen Fördermittelzuschlag in Höhe von ca. 190.000 Euro erhalten, was einem anteiligen Fördersatz von knapp 78 % entspricht. Bei der Bereitstellung der verbliebenen Eigenmittel unterstützt uns unsere Projektpartnerin, die Stiftung Pro Artenvielfalt. Die Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

Große, ganzheitliche Schritte zu gehen ist im Naturschutz oft ein unerfüllter Wunsch. Hier sind wir auf dem besten Weg, Naturschutzmaßnahmen für Arten und Lebensräume umzusetzen, gleichzeitig eine umweltverträgliche Land-, Forst und Gewässerbewirtschaftung zu entwickeln und einen naturverträglichen Tourismus im Gebiet zu fördern.

Hintergrund: Extensive Beweidung steigert die Artenvielfalt

Große und kleine Herbivoren (Pflanzenfresser) wie Pferde, Rinder, Schafe oder Ziegen haben Einfluss auf den Zustand der Landschaft. Durch ihre Nahrungsaufnahme beeinflussen sie die Gras- und Krautvegetation, als auch die Verjüngung von Gehölzen. Durch Verbiss und Schälen an Bäumen kann es (im Wald) auf Teilbereichen zu lichten bis offenen Vegetationsstrukturen kommen. Eine Beweidung und die damit einhergehende Offenhaltung von Flächen ist vielerorts Voraussetzung dafür, dass sich bestimmte Arten ansiedeln und überleben. Durch die extensive Beweidung entsteht ein Mosaik aus kurzrasigen Flächen, aber auch Flächen mit Stauden oder offenen Sand- und Bodenflächen. Es entsteht eine parkähnliche halboffene Weidelandschaft, die sehr artenreich ist und vielen bedrohten Arten Lebensraum bietet. Kurzrasige Flächen werden bspw. gerne von Vögeln wie Bachstelze oder Kiebitz zur Nahrungssuche oder zum Brüten genutzt, Braun- und Schwarzkehlchen profitieren von höheren Grashalmen als Ansitzwarten. Besonders extensiv genutztes Grünland wimmelt von Insekten. Der sich einstellende Blütenreichtum zieht Schmetterlinge und Wildbienen an. Der Dung von Weidetieren ist entscheidend für das Leben auf den Weiden. Es entwickelt sich eine ganze Gemeinschaft von angepassten Insekten, mit Mist- und Dungkäfern als bekannteste Vertreter, die wiederum als Futtergrundlage für Vögel und Fledermäuse dienen. Durch die Tritte der Tiere entstehen kleinräumige Störungen und somit Lebensräume für Arten, die auf diese Störungen angewiesen sind. Es können zum Beispiel auch temporäre Gewässer entstehen, in denen sich Amphibien wie Kreuz- und Wechselkröte wohlfühlen. Am Ende profitieren eine Vielzahl an Artengruppen im Ökosystem Weidelandschaft.

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