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Natur vor der eigenen Haustür – Mach mit

Die „Krefelder Studie“ zum anhaltenden Insektensterben hat 2017 für Schlagzeilen gesorgt. Die Wissenschaftler belegten in einem Naturschutzgebiet in Nordrhein-Westfahlen einen Bestandsrückgang flugaktiver Insekten von 76 % innerhalb der vergangenen 30 Jahre – hauptsächlich Hautflügler, Fliegen, Käfer und Schmetterlinge. Ein Umstand, der sicherlich vielerorts ähnliche Ausmaße angenommen hat. Dadurch gerät die gesamte Nahrungskette ins Wanken: Pflanzen werden nicht mehr bestäubt, Vögeln, Fledermäusen und vielen anderen Tieren fehlt die Nahrungsgrundlage. Allein der monetäre Wert der Insekten-Bestäubung  liegt in Europa bei über 14 Milliarden Euro pro Jahr. Gleichzeitig wird in Sachsen täglich eine Fläche von 4,3 Hektar, etwa 6 Fußballfelder, neu versiegelt. Für viele Pflanzen- und Tierarten wird der Lebensraum also immer knapper.

Naturnahe, innerstädtische Grünflächen stellen für viele Arten mittlerweile wichtige Ersatzlebensräume dar. Parks, Gärten, Bäche, begrünte Fassaden und Dächer, Straßenbegleitvegetation oder Friedhöfe können vielen Arten ein Zuhause bieten. Der Landkreis Zwickau ist mit 339 Einwohnern pro Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte aller neuen Länder – jede Menge Handlungsspielräume für biologische Vielfalt in Kommunen!

Blühfläche am Haus – Fotograf: René Albani

Blühfläche am Haus – Fotograf: René Albani

Aus diesem Grund ist der Deutsche Verband für Landschaftspflege – Landesverband Sachsen e.V. (DVL) vom Sächsischen Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft (SMEKUL) mit der Initiierung und Koordinierung des Projektes „Natur vor der eigenen Haustür – Mach mit“ als Teil des Fachkonzeptes Stadtnatur betraut worden.  Für den Landkreis Zwickau ist der Landschaftspflegeverband Westsachsen e.V. (LPV) als regionaler Projektpartner und Ansprechpartner sowie Multiplikator mit dem Ziel der Schaffung neuer urbaner Insektenlebensräume ausgewählt worden. Das Projekt mit einer Laufzeit von ca. 2,5 Jahren ist eine Weiterentwicklung des Mitmachprojektes „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge“, in welchem durch Umstellung der Pflege und teilweise durch Neueinsaat aus Grünflächen im Siedlungsraum Insektenlebensräume entstehen. Bisher zählt das Projekt sachsenweit 880 Wiesen, die von 740 Teilnehmenden bewirtschaftet werden.

Das Ziel im neuen Projekt besteht nun darin, neben Wiesen weitere urbane Lebensräume für die heimische Insektenfauna, unter anderem durch Pflanzung von Gehölzen und durch Gebäudebegrünung, zu schaffen und zudem durch eine breite öffentliche Beteiligung und Sensibilisierung für die Thematik weitere Aktive sowie neue Zielgruppen zu gewinnen. Das Projekt wird als Kooperationsprojekt durchgeführt und fachlich durch das Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden begleitet. Aufgabe der regionalen Projektpartner ist es, durch Beratung, Wissensvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit sowie Aktionen in ihren Landkreisen und kreisfreien Städten zur Erweiterung des Lebensraumnetzes für Insekten proaktiv beizutragen. Bestandteil des Vorhabens im Landkreis Zwickau sind beispielsweise:

Exkursionen – Fotograf: Dennis Klein

  • Neuanlage, Pflege und Monitoring von Blühflächen
  • Werbung neuer Mitstreiter
  • Durchführung von Seminaren zum Sensen, Dengeln, Obstbaumschnitt und -veredelung
  • Fortbildungen für Hausmeister, Kleingärtner, Erzieher und Lehrer
  • Exkursionen zu Tagfalterlebensräumen und Lichtfang von Nachtfaltern
  • Beratung von Kommunen, Privaten, Vereinen, Kirchen, Unternehmen oder Wohnungsbaugenossenschaften
  • Initiierung einer Broschüre „Lebensraum Garten“ mit Tipps was jeder bei sich zu Hause für den Insektenschutz tun kann

 

Wir Menschen haben uns daran gewöhnt, mit moderner Technik und Chemie der Landschaft und Natur in unserer Nähe zu Leibe zu rücken, auch in Städten und Dörfern. Schottergärten, Motorsägen, Rasenroboter, Laubbläser und -sauger sowie Pestizide und Dünger kommen oft zum Einsatz. Geschäftig wird die Umwelt in vermeintliche Ordnung gebracht, zum existentiellen Nachteil vieler Arten, auch der Schmetterlinge. Wir wollen Hilfestellung geben wie man Dinge ökologischer und zeitgemäßer angehen kann.

Wie kann also jeder helfen? Ein Ansatz: Bereits kleine Maßnahmen wie die Verwendung heimischer Arten bei der Neuanlage von Hecken, Wiesen oder Beeten, können große Effekte bewirken. Exotische Sträucher sind für die heimische Tierwelt hingegen nahezu wertlos. Sicherlich findet sich bei jedem ein Fleckchen Rasen, das in eine artenreiche Blühfläche verwandelt werden könnte. Der LPV berät Sie, Ihren Verein oder Ihr Unternehmen gerne bei der Frage, welche Maßnahmen auf Ihrer Fläche oder Fassade ergriffen werden und wie diese umgesetzt werden können.

 

Hintergrund: Tiere und Pflanzen im und am heimischen Garten

Gärten stellen wohl den unmittelbarsten Bezug zur Natur für uns Menschen her, liegen sie doch meist nur wenige Meter von der eigenen Haustür entfernt. Dabei sind Gärten oftmals das beste Beispiel für das Prinzip „Schutz durch Nutzung“. Dabei braucht jede Gartenform ihr eigenes Maß an Pflege und sorgt damit auch für ihre ganz eigene Tier- und Pflanzenwelt. So sind bei entsprechendem Blütenreichtum in kleineren Gärten vor allem Wirbellose wie Wildbienen und Schmetterling unterwegs. Auch Spinnen weben ihr Netz gerne an Lauben oder Gartenzäunen. Bereits kleine bis mittelgroße Gärten bieten bei entsprechenden Strukturen (Nistkästen, Reisig-, Kompost- oder Steinhaufen, Hecken) vor allem Singvögeln wie Hausrotschwanz, Sperling und Kohlmeise sowie Kleinsäuger wie Igel und Spitzmaus, aber auch Zauneidechsen einen Lebensraum. In großen Gärten und Parks mit entsprechend altem Baumbestand mit großen Höhlen sind neben Fledermäusen und Eulen auch seltene Käfer wie der Eremit zu Hause. Ein naturnaher Garten hat nichts mit Urwald zu tun, denn bei ausbleibender Pflege würden auch die entsprechenden Arten verschwinden, da sie sich mit der Zeit an unser Tun angepasst haben. Natürlich ist aber auf der anderen Seite vom „englischen Rasen“ oder gar dem „Garten“ aus Steinschotter nicht viel Leben zu erwarten. Es gilt, wie so oft, die goldene Mitte zwischen gärtnerischer Ordnung und naturnaher Wildheit zu finden.

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